Das Fleisch muss an den Mann

Eine Chemnitzer Erfindung am Ende - die Rohrpost für Fleisch

In einigen Regionen der Welt ist sie noch zu finden. Und an Elektrofachmarktkassen. Die Rohrpost. In Karl-Marx-Stadt hat sie jedoch ihre beste Zeit schon längst hinter sich. Ihren Ursprung aber auch! Geplant war das nicht. Denn eigentlich geht die Erfindung der Rohrpost auf einen Zufall zurück. Wie so oft. Heiko Tzschipzschik war in den 20ern ein gefragter Fleischer in Karl-Marx-Stadt. Weit über die Stadtgrenzen hinaus war er bekannt für seine Fleisch- und Wurstwaren. Hack zum Beispiel. Um an die tzschipzschikschen Kostbarkeiten zu gelangen, musste man jedoch tief ins Zentrum der Stadt gelangen. Autos waren noch kein so großes Thema und gleichzeitig wurde Karl-Marx-Stadt nach Ende des Krieges zur ersten pferdefreien Stadt des Kontinents. Wegen Vorreiterrolle, oder eben gerade auch nicht. Der Wurstladen war kaum zu erreichen für Unhiesige. Heiko Tzschipzschik dachte lang darüber nach, wie er zusätzliche Vertriebswege finden könnte. Die Idee war schließlich ganz einfach und so erfand er die “Rohpost”! Vielmehr als der Name war damit jedoch noch nicht verbunden. Dennoch wollte der findige Fleischer seine Erfindung erstmal sichern. Auf dem Patentamt unterlief dem Patentamtsbeamten allerdings ein Fehler, ein folgenschwerer Fehler. Er verstand “Rohrpost” und trug dies auch in das Formular A-89/1q ein. Daraufhin frug er nach, warum der wurstverschmierte Herr Tzschipzschik denn die Post in Rohren verschicken wölle und was daran so toll wäre. Kurz stutzend begann der Kopf des Fleischers umgehend zu rotieren. Rohre! Das ist es! Rohre!

Vom Tippfehler zum profitablen Erfolg

Die ersten Prototypen waren noch vom Misserfolg geprägt. So wurde unter anderem zunächst das Probehalbepfundhack unverpackt durch das Rohr gejagt. Abgesehen vom Materialverlust während des Transports und der mit der Zeit rapide ansteigenden Keimzahl in der Röhre,
hat so ein halbes Pfund Hack doch einen recht hohen Reibekoeffizient. Viele Versuche später stand das Grundprinzip fest: Eine stabile Büchse mit Rollen (am besten Tupper, wegen Pfand) wird mit Luftdruck von A nach B geschossen. Fertig war die “Rohrrohpost”. Das zweite “roh” fiel mit der Zeit weg. Aus Marketing- und Faulheitsgründen.

Die Rohrrohpost war die Innovation des Fleischtransports

Nach wenigen Jahren war Karl-Marx-Stadt von einem Netz von Rohren durchzogen, die Fleisch und Wurst sogar bis tief ins Vogtland transportierten. Ein riesen Erfolg! Heiko Tzschipzschik stand überall für die frischeste Ware. Bis, ja bis der Großteil der Bevölkerung sich ein eigenes Auto leisten konnte. Und so wurde die “Rohrrohpost” kurz “Rohrpost” in der gleichen kurzen Zeit so überflüssig, wie sie zuvor unbekannt war. Außerdem waren PKWs um einiges zuverlässiger. So kam deutlich häufiger auch das an, was bestellt wurde. Nicht selten mussten die Kunden nach der Lieferung improvisieren, um mit dem empfangenen Hack ein ansprechendes Gulasch herzustellen. Mit dem Erfolg des Autos verschwand somit die “Rohrrohpost” bzw. “Rohrpost” aus Karl-Marx-Stadt. Nur noch wenige Rohre sind zu finden. Nur noch wenig zeugt vom Erfindergeist des Heiko Tzschipzschik – dem Nikola Tesla unter den Fleischern.

Falk Sieghard

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