Deckel drauf

Chemnitz schämt sich für die eigene Kunst Das Verhältnis der Einwohner von Karl-Marx-Stadt zur Kultur ist ein Eigenartiges. Seit Bewohnergedenken fällt es den Menschen hier schwer, sich auf das Abenteuer Kunst einzulassen. Auf der einen Seite leistet sich die Stadt ein Opernhaus. Auf der anderen Seite wird ein Kino nach dem anderen geschlossen. Der Kreisrat lässt das Wahrzeichen – das Konterfei des Gründervaters – aufwendig sanieren. Gleichzeitig müssen die Öffnungszeiten der Bibliothek verkürzt werden. Man ist sich uneins in der Stadt.

Die ganze Sache auf die Spitze treibt nun ein Beschluss der Stadtverwaltung. Es betrifft die Statuen am Schlossteich, die die Gründung der Stadt darstellen. Sie zeigen das Gefolge von Karl Marx. Eigentlich nichts Besonderes und schon immer Teil gepflegter Sonntagsspaziergänge. Doch nun hat sich der Wind im Kopf der Stadtverwalter gedreht. Einige Kreisräte wollen Ungeheuerliches entdeckt haben! Das steingewordene kommunistische Manifest steht unter akutem Pornografieverdacht. Der offiziellen Stellungnahme zufolge sind einige Figuren nackt! Unter ihnen auch Friedrich Engels. Dem nicht genug. Engels steht auf allen Vieren in einer dreideutigen Pose! Dieser Gefährdung unserer Jugend wirkt nun die Politik entgegen. Die Statuen am Schlossteich müssen verschwinden.

Da man sich auf einem außerordentlichen Parteitag nicht auf die Art und Weise der Entfernung einigen konnte, geschweige denn dem Ort, wo diese dann gelagert werden sollten, ersann man die Lösung eines Sichtschutzes. Die Idee des Sarkophags nach tschernobylischem Vorbild war geboren. Was verhindert, dass Strahlung nach außen dringt, kann auch dafür sorgen, dass Blicke nicht nach innen gelangen können. Aber Karl-Marx-Stadt wäre damit bei weitem nicht seinem Ruf des ambivalenten Kulturumgangs gerecht geworden. Und somit hat man sich nicht für Deckel aus Beton entschieden, sondern für Hauben aus Glas! Karl-Marx-Stadt beleibt sich also treu. Es kann endlich wieder mit den Kindern jugendfrei am Schlossteich spaziert werden und die Kunstfreunde der Stadt kommen dennoch auf ihre Kosten. Wie lange dieser Zustand allerdings anhält ist fraglich. Auf den Gängen des Rathauses geistert schon das Wort “Milchglasfolie” umher. Es gilt also sich zu beeilen! Denn auch die Würdenträger der Partnerstadt Schilda haben bereits ihr Interesse an der Karl-Marx-Städter Lösung bekundet.

Falk Sieghard

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