Der Brühl überholt die Zukunft

Chemnitz nimmt seine Zukunft selbst in die HandIn den 80er Jahren, als der Brühl auf dem Reißbrett entstand, fällte der damalige Kreisvorsitzende des Zentralkomitees eine folgenschwere Entscheidung. Als Coup geplant, beauftragte er Lew Kerbel mit der weiteren Planung des Brühl Boulevard. Dieser Tausendsassa der kommunistischen Monumentalarchitektur sollte sein Werk, das er mit dem Marxkopf begann, nun mit der Konzeption einer Prachtallee in Karl-Marx-Stadt vollenden! Im ganzen kapitalistischen Ausland sollte der Klang des Namens der Stadt für Neid und staunende Gesichter sorgen. Die Stadtverwaltung hatte nun dafür den Grundstein gelegt.

Anders kam es, und denken können hätte man sich es auch. Was in der Sowjetunion nämlich schon lang bekannt war, wurde hier zum Treppenwitz der Geschichte. Lew Kerbel verstand nämlich rein gar nichts von Architektur. Einzig bei der Gestaltung eines potemkinschen Dorfes südlich von Stalingrad konnte er Erfahrung mit der Konstruktion von Häusern sammeln. Auch brach er sein Architekturstudium an der ehrwürdigen Lomonossow-Universität in Moskau nach einem Semester ab. Der Seminarinhalt beschränkte sich dabei auf Fassadenbau. Und so ist der Brühl, seit seiner Fertigstellung, zwar schön anzusehen. Doch eine Funktion erfüllt er nicht. Weder wohnen dort Menschen, noch kann Ware in Schaufenstern feil geboten werden. Die Gründe sind vielschichtig, es fehlt schlicht an allem! Lew Kerbel vergaß bei der Konstruktion der Promenade so gut wie alles, was es zu vergessen gibt. Strom, Wasser, Telefon. Treppen, Hintertüren, Fenster zum Hof. Schalter, Hähne, Heizkörper. Eine Bauruine von Beginn an.

Doch seit kurzem weht ein anderer Wind auf dem Brühl. Die Wohnraumknappheit durch den Zuzug vieler Arbeiter der Hochtechnologiebranche erhöhte den Handlungsdruck auf den Kreisratsvorsitzenden. Mit sofortiger Wirkung wurde der Anschluss des Brühls an das städtische Stromnetz beschlossen. Innerhalb weniger Wochen wurde der Boulevard zum leuchtenden Vorbild postkommunistischer Ressourcenverschwendung. Alles erstrahlt hell in neuem Glanz. Selbst am Tag werden die Laternen befeuert. Es gilt einiges an ausgesendetem Licht nachzuholen. Es geht in großen Schritten voran. Der Brühl überholt die Zukunft.

Falk Sieghard

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