Der ewige Zweite

Ernst Thälmann kam zu spät nach ChemnitzErnst Thälmann hatte Großes vor. Sein Plan strotzte nur so vor Genialität, Wagemut und Tollkühnheit. Damit wollte er sich endlich seinen lang verdienten Eintrag in die Geschichtsbücher der Menschheit erarbeiten. Bis ins letzte Detail war alles geplant. Jeder eventuelle Zwischenfall war vorausgesehen und jegliches Problem, das sich der Menschengeist hätte vorstellen können, wurde im Vorhinein gelöst. Nichts konnte mehr schief gehen, niemand konnte Ernst Thälmann mehr aufhalten! Niemand!

Sein großer Plan: Ernst-Thälmann-Stadt, eine Stadt nach seinen Vorstellungen. Er wollte der Menschheit den Kommunismus in einer Modellstadt vorleben. Von da aus sollte er die ganze Welt erobern. Erst Ernst-Thälmann-Stadt und dann die ganze Welt. Niemand konnte ihn mehr aufhalten. Niemand. Nur eines vermochte sich Ernst Thälmann nicht vorzustellen: zu spät zu kommen. Nicht Erster zu sein, kam ihm nie in den Sinn. Doch genau diese unwahrscheinlichste aller Eventualitäten trat ein. Ernst Thälmann kam zu spät. Als er nach seiner langen Reise in den Iden des März an den Auen der Chemnitz sein Basislager aufschlug, war einer schon längst da: Karl Marx. Der Tausendsassa aus Trier, der Primus inter Kommunisti hatte mit einigen Wochen Vorsprung diese ideologische Steppe erreicht und bereits erste Erfolge erzielt. Für einen zweiten politischen Führer war da kein Platz mehr.

Ernst Thälmann reiht sich damit nahtlos ein in die Gruppe derer, an die sich niemand mehr so recht erinnern mag. Buzz Aldrin, Ernst Schmied, Robert Falcon Scott. Und nun auch Ernst Thälmann. Allen gemein ist das zu späte eintreffen an bis daher noch unerreichten Orten. Weder Ruhm noch Ehre haben diese trostlosen Entdecker je erfahren. Auch Ernst Thälmann geriet schnell in Vergessenheit. Kaum ein Karl-Marx-Städter vermag es noch, sich an ihn zu erinnern. Lediglich ein kleines Denkmal am äußerten Stadtrand wurde ihm gewährt – dem ewigen Zweiten.

Falk Sieghard

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