Durchbruch – Züge halten direkt im Bahnhof

In Chemnitz fahren die Züge jetzt auch in den BahnhofLange Zeit war der Hauptbahnhof von Karl-Marx-Stadt eine überregionale Besonderheit. Nicht weil er besonders schön ist. Oder besonders leistungsfähig oder besonders klein. Das Außergewöhnliche an diesem Bahnhof war, dass die Züge nicht in, sondern außerhalb der Bahnhofshalle zum Stehen kamen. Die Pläne dafür gehen dabei noch auf Karl Marx persönlich zurück. In seiner Sturm- und Drangphase wollte sich der noch junge Karl in die Riege der Universalgenies aufschwingen. Das ging allerdings deutlich schief. Auf Funktion ausgelegt vergaß er dabei den springenden Punkt eines jeden Bahnhofs: Die Züge müssen irgendwo halten! Stattdessen lies er alle Gleise am Gebäude vorbei verlegen und die Bahnsteige entstanden vor dem eigentlichen Gebäude. Auf Grund seiner philosophischen Autorität wagte es nicht einmal der Bauleiter, zumindest eine metaphysische Nachfrage zu stellen. Also entstand ein Bahnhof ohne Halt. Ein Parabahnhof. Millionen wurden in den Porphyr gesetzt! Immerhin erreichte Marx damit, dass “Die Züge müssen irgendwo halten” zum Axiom der bahnhofsbauenden Zunft wurde. Steht mittlerweile auch in jedem Handbuch. Zur Sicherheit. Einen weiteren Vorteil hatte die ganze Sache noch. Er erkannte seine architektonische Insuffizienz und ließ später stattdessen von anderen entwerfen und bauen. Meisterwerke wie sein Mausoleum und die Erfolgsgeschichte des Brühl entsprangen daraus.

Es wächst zusammen, was zusammen gehört

Seit kurzem halten also nun die Züge direkt im Bahnhof. Für die Fahrgäste ist es immernoch eine gravierende Umstellung. Es wurde daher extra Personal eingestellt, um vom Bahnhofsvorplatz wartende Fahrgäste sicher zu ihrem Zug zu geleiten. Die Vorteile der neuen Bauweise liegen dabei natürlich auf der Hand: kurze Wege, erhöhte Sicherheit und der Bahnhof muss nicht mehr verlassen werden. Wartezeiten in Wind und Wetter sind passé! Die Kehrseite bekommen gerade die vielen Händler zu spüren. Über Jahrzehnte hinweg entwickelte sich eine umfassende Infrastruktur rund um den Bahnhof herum. Jegliche Dienstleistung, die wartende Fahrgäste benötigten, wurde feilgeboten. Doch jetzt ist Schluss damit! Schlagartig! Regenschirmverleiherin Petra Dnaller hat von heut auf morgen keine nasse Kundschaft mehr. Rosterverkäufer Mike Prosepol darf mit seinem Holzkohlegrill nur draußen grillen – wo keiner mehr ist. Auch der Straßenmusiker Ronny (der seinen Nachnamen nicht verraten will) hat zwar seine Straße noch, aber keine Zuhörer mehr.

Die Schattenseite heißt Ronny

So hat auch die neueste Innovation von Karl-Marx-Stadt eine Schattenseite auf der Kehrseite ein und derselben Medaille. Besonders das Schicksal von Ronny (der seinen Nachnamen nicht verraten will) bewegt die Herzen. Er steht seit Tagen verlassen am alten Bahnsteig vor dem Bahnhof. Keiner hört zu. Keiner gibt Geld. Und ohne Petra wird das Wetter zur Qual. Durch sein rotes Jacket fällt er zusätzlich auf. Besetzt mit unzähligen roten Pailletten leuchtet Ronny (der seinen Nachnamen nicht verraten will) weit hinaus in die Stadt. Dabei stellt er sich immer die gleichen Fragen: Klappt es doch noch mit der Musik? Entdeckt mich irgendjemand? Wird jemals ein Hit von mir im Radio laufen? Und wo bekomm ich jetzt meine Roster her? Wir bleiben dran.

Falk Sieghard

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