Ein Denkmal für das Nichts

Spätrömische Dekadenz in ChemnitzBereits seit vielen Jahren ist der Brühl geprägt von einem besonderen Phänomen: dem Nichts. Keine Menschen, keine Geschäfte, keine Geräusche. Das pure Nichts herrscht auf dem Boulevard und zieht ein weiteres Mysterium nach sich: die Langeweile. In Karl-Marx-Stadt versucht man damit jetzt offensiv umzugehen. Allerdings auf eine, der Stadt typischen, besonderen Herangehensweise. Der gähnenden Langeweile auf dem Brühl setzt die Stadtmutter nun ein Denkmal.

In der Tradition spätrömischer Dekadenz langweilen sich ab sofort vier Bronzefiguren. Tagaus tagein. Angeordnet in einem Quadrat, der langweiligsten aller geometrischen Form. Die Statuen selbst tragen lyrische Elemente des Überdruss. Ihre Frisuren entsprechen dem Standardprogramm eines jeden Frisörs im ersten Lehrjahr. Trotz übermäßiger Zeit hängen ihre Haar schlaff nach unten oder sind lieblos zu einem Dutt zusammengebunden. Ebenso sprechen ihre Gesichter Bände. Die leeren Augen starren in die gemeinsame Mitte, in der nichts ist. Ihre Zeit rinnt stet dahin, doch das Nichts ist ihnen zu wichtig für einen Blick nach draußen. Was auch immer um sie herum geschehen könnte, ihre Aufmerksamkeit gilt dem, was sich in ihrer Mitte abspielt. Und nicht zu Letzt: Sie sind nackt. Vor lauter innerer Leere fehlt gar der Antrieb, sich um Kleidung zu kümmern, geschweige denn um die Kleidung der anderen.

Was will der Künstler, was will die Stadt damit dem interessierten Passanten sagen: Wo nichts ist, ist nichts? Wer nichts säht, wird Langeweile ernten? Oder wenn nichts ist, kann nichts werden? Ohne Frage handelt es sich um die symbolische Darstellung der Ereignisse der letzten 20 Jahre auf dem Brühl. Ein Ort an dem nichts geschehen ist. Und so wollen uns die Oberen von Karl-Marx-Stadt vielleicht dies mit auf den Weg geben: Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Kostenlos ist dieser Weg auch zu haben. Die Devise einer Stadt.

Falk Sieghard

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