Habemus Esse coloris

Der Antrieb von Karl-Marx-Stadt soll bunt werdenBunter Rauch steigt auf über der Stadt. Regenbogenfarbene Wolken bahnen sich ihren Weg durch die Straßen. Zuckerwattegleich präsentiert sich die Stadt an den ersten Frühlingstagen. Grund dafür ist jedoch nicht die gleichzeitige Explosion einer Seifenblasenmanufaktur und einer Farbefabrik. Das neue Farbspektrum spendiert ein Unternehmer der Stadt. Zeitungsberichten zufolge hat sich der regionale Energieriese dazu entschlossen, seinen über die Grenzen von Karl-Marx-Stadt sichtbaren Schlot einen neuen Anstrich zu verleihen. Das Mahnmal energiefressender Industrie soll nicht mehr grau in grau daherkommen.

Viel mehr versprechen sich die Energieproduktionsmittelbesitzer einen Imagewechsel davon. Kohle ist hip, Energie macht Spaß, Abgase sind das Verbindungsstück aller Menschen auf Erde. Um das allgemeine Verständnis der dreckigen Verstromung von Kohle auf den Kopf zu stellen, scheut das Unternehmen weder Kosten noch Mühen noch schmutzige Hände. Einem langen Bewerbungsverfahren folgte die schonungslose Auswahl des Siegerentwurfs. Nachdem sich die hochkarätige Jury die Nächte der Uneinigung um die Ohren schlug, entschied man sich für die farbenfroheste aller Varianten. Die Esse wird in sieben verschiedenfarbige Sektoren unterteilt, die die ganze Bandbreite des Wasserfarbkastens widerspiegeln. Besonders die jahrmarktartige Beleuchtung bei Dunkelheit beeindruckte die Entscheider. Somit kann nicht nur des Tages lustig bunte Energie erzeugt werden, sondern auch nachts. Rund um die Uhr strömen dann fröhliche Abgase in die Atmosphäre. Abgase für alle, Tag für Tag.

Mit der Neugestaltung des Schornsteins verbinden sich auch Hoffnungen der Bürger von Karl-Marx-Stadt. Viele wünschen sich einen immerwährenden Regenbogen. Andere träumen von guter Laune in der Stadt, verursacht durch die bunten Emissionen. Einige wenige erhoffen sich Ersparnisse im eigenen Drogenkonsum. So weit wird es vermutlich allerdings nicht kommen! Die Gesetze der Natur sprechen dagegen. Und auch der gesunde Menschenverstand lässt vermuten, dass ein Anstrich nichts am Inhalt ändert. Doch stirbt die Hoffnung zu letzt, die Hoffnung auf eine besser gelaunte Stadt.

Falk Sieghard

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