Von Wahllokalen und ihrem Nachteil

Ein Wahllokal erhöht die Wahlbeteiligung in Chemnitz leider nicht

Wieder einmal haben sich die Bürger der Stadt nicht mit partizipatorischem Ruhm bekleckert. Ganz Karl-Marx-Stadt war aufgerufen, um unserer Stadtmutter ein zweites Mal ihre Krone aufzusetzen. Es sollte ein so großes Ereignis werden, dass es gleich zwei Mal stattfinden sollte. Bestes Wetter war garantiert. Aber gekommen ist keiner. Magere 41% bei ersten und nochmagerere 32% beim Zweiten. Nimmt man beide Wahlgänge zusammen, waren nicht einmal alle da! Wo sind die Bürger, wenn man sie braucht? Warum sind Wahlen so uncool?

Bereits 1999 haben sich die Oberen der Stadt zusammengesetzt, um sich dieser Problematik anzunehmen. Ein Gremium wurde ins Leben gerufen, das schnell seine Schlüsse zog: Die Bürger gingen nicht zur Wahl, weil vieles wichtiger geworden war: Der Club in der 2. Liga, Winters Eisgarten oder auch die Wutbürger von Mittelbach, die ihre Eingemeindung nicht wahr haben wollten. So rückte die politische Partizipation in den Hintergrund.

Das “Gremium zur Reduktion interessenbedingter Wahlabsenz” wurde dann auch schnell aktiv. Die ersten Tropfen auf dem heißen Stein waren Slogans, die zur Wahl aufrufen sollten.

“Es ist nur ein Kreuz für dich, aber 7 Jahre volles Gehalt für deinen Chef”
“Wer das Kreuzchen nicht ehrt, ist des Personalausweises nicht wehrt”
“Lieber Stimme als Löffel abgeben”

Der Erfolg blieb erwartungsgemäß aus.

Was bringt die Menschen in Chemnitz zusammen?

Doch dann kam der Durchbruch, die Knalleridee schlechthin, der ganz große Schuss in den Ofen: Alkohol! Alkohol ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Menschen. Im Rausch werden Fehden beendet. Der Suff vereint noch die unterschiedlichsten Leute. Die Lösung lag nun auf dem Tisch und das “Gremium zur Reduktion interessenbedingter Wahlabsenz” unternahm den einzig logischen Schritt. Bereits 14 Jahre nach intensivster Tagungen und erschöpfender Sitzungen eröffnete in Karl-Marx-Sadt das erste Wahllokal des ganzen Landes! Hier sollten die Bürger trinken und wählen, ganz entspannt und in anregender Atmosphäre. Das erste Getränk wäre umsonst, das zweite zur Hälfte steuerfinanziert und das dritte EU-subventioniert.

Lost in Wahllokal

Und siehe da – Die Wahlbeteiligung in besagtem Wahllokal lag bei 87%! Der Nerv der Nichtwähler ist getroffen. Das Gremium feiert sich selbst und seine Gremanten liegen sich noch immer in den Armen. Jetzt gilt es nur noch ein Problem zu lösen: In beiden Wahlgängen lag der Anteil ungültiger Stimmen bei ca. 75%. Die Kreuzchen wurden fern von Gut und Böse gesetzt. Neue Kandidaten wie “n Ronny seine Mutter tätsch wähln” standen plötzlich auf dem Wahlschein. Oder es wurden alle angekreuzt verbunden mit lauten “Alles ein Haufen!”-Rufen aus der Wahlkabine. Also tagt das “Gremium zur Reduktion interessenbedingter Wahlabsenz” wieder. Aber der Anfang ist gemacht!

Falk Sieghard

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