Zu viel: Erster Chemnitzer kann wegen Burnout nicht mehr die Stadt sein

Erster Burnout durch Die Stadt bin Ich

Es ist später Vormittag und die Sonne strahlt über Chemnitz. Sie strahlt für alle Bürger, nur nicht für Silvio T. Er nimmt kaum Notiz vom schönen Wetter. Er wartet bereits auf uns, sitzt draußen auf einer Bank im Park. Abwesend rutscht er hin und her. Sein Bein zuckt unrhythmisch. Er schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Vom einst lebenslustigen Pförtner ist nichts mehr übriggeblieben. Blass, kraftlos, ohne Ziel – so präsentiert sich uns Silvio T.

Was war geschehen? Vergangene Woche meldete sich der Chemnitzer bei seinem Arbeitgeber krank. Grund: Burnout! Doch nicht die Arbeit an der Schranke hat ihn über den Rand der Belastungsgrenze geführt, das hat ihm immer Spaß gemacht. Frische Luft, immer neue Leute und auch ein wenig das Gefühl von Macht, Leuten die Zufahrt zu verwehren. Das hat ihm nicht seine letzten Kraftreserven geraubt. Es war die Stadt. Denn seit einigen Tagen ist er nicht mehr nur Silvio, der Pförtner, und Silvio, der Familienvater, sondern auch noch Silvio, die Stadt Chemnitz.

Und dann bin ich, sag ich mal, zusammengebrochen.

Wir kommen zu ihm und als wir uns vorstellen, wirkt er irgendwie erleichtert. Er will seine Geschichte erzählen, von seinem Leid berichten. Wir nehmen Platz.

UIKMS: Silvio, du bist seit Anfang der Woche krank geschrieben, wegen Burnout. Wie kam es dazu?

Silvio T.: “Naja das ist ne ganz komische Sache. Ich bin früh aufgewacht, sag ich mal, früh aufgewacht und dann hieß es auf einmal, ich wäre die Stadt! Ich? Hab ich dann so gedacht, warum denn ich?”

Du meinst das neue Stadtmarketing von Chemnitz mit dem Slogan “Die Stadt bin ich” hat dich unvorbereitet getroffen?

“Na klar! Das klingt ja am Anfang, sag ich mal, auch gut. Aber mich hat ja gar keiner gefragt, ob ich das will und ob ich das zeitlich stemmen kann! Ich steh’ den ganzen Tag an der Schranke. Muss auch immer, sag ich mal, da sein. Da kann ich nicht weg. Wenn einer kommt und rein will, muss ich auf den Punkt, sag ich mal, konzentriert und einsatzbereit sein. Stell dir mal vor, es steht einer an der Schranke, ich bin nicht da, weil ich gerade die Stadt bin und der muss warten. Das geht einfach nicht. Und daran hat im Rathaus scheinbar keiner gedacht! Und nur, sag ich mal, abends die Stadt sein, geht ja auch nicht. Die Stadt ist ja ein 24-Stunden-Job!”

Die ersten Tage hast Du den Spagat Pförtner / Stadt versucht.

“Ja, musste ich doch! Wollten ja alle was von mir! ‘Kannste mal hier das Schlagloch…’ oder ‘Ey das ist doch Scheiße mit dem Stadion.’ und so weiter. Auf einmal wurde ich nur noch angeblafft im Bus. Das konnte nicht gutgehen. Das war einfach zu viel für mich. Und dann bin ich, sag ich mal, zusammengebrochen. Nervlich. Also wegen Gehirn.”

Wie lautet die Diagnose?

“Burnout! Totaler geistiger und körperlicher Feierabend. Ende alliende. Das Jahr ist für mich gelaufen. Jetzt erstmal zur, sag ich mal, zur Kur und danach weiß ich auch nicht, wie es weitergeht. Es ist ja alles kaputtgegangen! Meinen Job bin ich los und die Stadt ist jetzt auch jemand anderes. Das ist…”

Die Stadt bin Ich – Der Strang ist für alle da

Silvio T. kann und will nicht mehr darüber reden, beendet das Gespräch und geht. Kein Einzelfall. Nach ihm waren noch mehrere Chemnitzer die Stadt. Wie sie diese Bürde verkraften, bleibt abzuwarten. Denn im Rathaus scheint man an der Idee festzuhalten. Man könne da keine Ausnahmen machen. Der Strang ist für alle da und muss auch von allen gezogen werden. Im Stadtrat wird aber zur nächsten Sitzung eine mögliche Anpassung diskutiert. So soll es vermutlich Sprechstunden, Präventivmaßnahmen und Entspannungsübungen geben, für all diejenigen, die gerade die Stadt sind. Für Silvio T. kommt das zu spät. Er war die Stadt, ganz allein, und für ihn wurde es zu viel.

Falk Sieghard

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